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Cosimas Lounge

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Mein fabelhaftes Allerlei

Das Warten hat sich gelohnt - CHESS-Premiere in der Oper Chemnitz :)

Liebe Musicalfreunde,

es gibt Dinge, auf die wartet man ein ganzes Leben vergebens - und es gibt Dinge, auf die man ein halbes Leben wartet und deren Traumvorstellung von der Realität bei Weitem übertroffen werden :)

So geschehen bei der gestrigen überragenden Premiere des Musicals CHESS in der Oper Chemnitz :) Tim Rice, Benny Andersson und Björn Ulvaeus - die beiden letzteren den Meisten bekannt als die musikalischen Genies der schwedischen Band ABBA - schufen mit diesem Musical in den 80er Jahren ein beeindruckendes Stück Zeitgeschichte. Seit ich von der Existenz dieses Musicals weiß, habe ich zu allen verfügbaren Theatergöttern gebetet, dieses exzellente Kunstwerk einmal live auf einer Bühne zu sehen und dieser langgehegte Wunsch ging gestern Abend für mich in Erfüllung :)

CHESS handelt von zwei Schachturnieren (die Originalfassung der Uraufführung in London 1986) während der Zeit des Kalten Krieges zwischen den Supermächten USA und UdSSR. Der russische Großmeister Anatoly Sergievsky tritt gegen den amtierenden amerikanischen Weltmeister Frederick Trumper an. Schnell wird jedoch klar, dass die wahren Schachzüge abseits des schwarz-weißen Brettes stattfinden - mit den beiden Schachspielern und deren näherem Umfeld als Spielfiguren.

Schon die Besetzung der Chemnitzer CHESS-Inszenierung liest sich wie ein Who-is-who der deutschen Musical-Szene.

Als Frederick Trumper ist Patrick Stanke zu sehen, der bereits seit seiner Ausbildung an der Bayerischen Theaterakademie "August Everding" an seinem Ruf als hervorragender und gefragter Musicalkünstler gearbeitet hat. Neben Rollen in "Der kleine Horrorladen", "Die 3 Musketiere" und "Evita" ist er auch Gründungsmitglied der 2010 entstandenen Formation "Musical Tenors" mit seinen Kollegen Christian Alexander Müller, Mark Seibert und Jan Amman. Seine Darstellung des rüpelhaften, rücksichtslosen Amerikaners ist grandios, doch der absolute Höhepunkt wird durch ihn erreicht bei der Eröffnung des 2. Aktes mit dem wohl bekanntesten Song aus diesem Musical - "One night in Bangkok", welches hier in der neuen deutschen Fassung von Kevin Schroeder zu "Tauch ein in Bangkok" wird. Unterstützt von einem atemberaubenden Bühnenbild, das perfekt die Illusion erweckt, dass man direkt mit Freddie in Bangkok ist, stellt diese Stelle das Highlight aus meiner Sicht dar. Für mich persönlich stand von vornherein fest, dass mit dieser Szene das gesamte Stück steht und fällt - Fazit: Herkulesaufgabe brillant geglückt! :)

Sein Gegenspieler ist der einmalige Matthias Otte, der sich bereits mit der Hauptrolle in der Chemnitzer Inszenierung von "Falco meets Amadeus" ein Denkmal gesetzt hat - das mag übertrieben klingen, doch wer, wie ich, dessen Derniére beiwohnen durfte, wird mir lebhaft zustimmen :) Zunächst den bodenständigen Beruf des Zimmermanns gelernt, entdeckte er glücklicherweise sein Talent und seine Liebe zu Schauspiel, Gesang und Tanz. Bis 2006 war er als festes Ensemblemitglied in Chemnitz unter anderem zu sehen in "Der kleine Horrorladen", "Les Miserables" und in der "West Side Story". Als freischaffender Künstler stand er zum Beispiel in Stuttgart auf der Bühne in "Mamma Mia!" und dem Udo-Jürgens-Musical "Ich war noch niemals in New York". In CHESS stellt er Anatoly dar, der eigentlich nur Schach spielen will - bis er bemerkt, dass er nur von Molokov benutzt wird, um den ewigen Kampf Ost gegen West für die UdSSR zu entscheiden und nach dem Sieg über Trumper überläuft in die USA. Grund hierfür ist auch Florence, die zunächst für Freddie und somit die USA arbeitet. Doch die Liebe der beiden ist nicht vorbereitet auf die miesen Machenschaften von Molokov, dem jedes schmutzige Mittel Recht ist, den abtrünnigen Anatoly wieder auf die Seite der Russen zu ziehen. Matthias Otte stellt die Zerrissenheit von Sergievsky mit einer Inbrunst dar, und er singt dessen innere Qualen mit einer Eindringlichkeit, dass Gänsehautfeeling garantiert ist.

Das Chemnitzer Theater-Urgestein Matthias Winter stellt den Russen Molokov dar, ein Staatsgetreuer in der Delegation der UdSSR, dem kein noch so widerlicher Trick fremd ist, um seinem Land zum Sieg zu verhelfen. Der psychische Druck, den er auf alle unmittelbar Beteiligten ausübt, ist enorm und verhilft ihm zu Antipathie auf den ersten Blick. Matthias Winter, der sich in Chemnitz vor allem einen Namen gemacht hat mit den Inszenierungen von "Der kleine Horrorladen", "Falco meets Amadeus" und "Ganz oder gar nicht" und auch selbst auf der Bühne stand unter anderem als Doolittle in "My fair lady" und Tewje in "Anatevka", spielt den Unsympathen überzeugend. Als linientreuer Staatsdiener macht Molokov im Hintergrund mehr Züge als die beiden Schachspieler.

Was mich am meisten beeindruckt hat - neben "Tauch ein in Bangkok" natürlich ;) - war die opulente Dreh- und Hebebühnentechnik, die sich effektvoll durch die gesamte Inszenierung zieht. Genial auch die Idee, das Schachspiel im Hintergrund bildhaft im Vordergrund durch eine Ballettsequenz darzustellen - weiß auf der einen, schwarz auf der anderen Seite. Der Insidergag ist natürlich auch enthalten ;) Während Anatoly im 2.Akt den Fernseher umschaltet - weg von Frederick, der nach der Niederlage gegen Anatoly im Jahr zuvor nun als Fernsehkommentator arbeitet - sieht man einen kurzen Ausschnitt aus dem ABBA-Video "Money money money" - LOVE IT!!! :)

Die Inszenierung trägt die Handschrift von Thomas Winter, die Dramaturgie hat Jón Philipp von Linden übernommen. Doch der eigentliche Star vor der Bühne ist der musikalische Leiter und Dirigent - Tom Bitterlich :) Seine Umsetzung der Musik der beiden männlichen ABBA-Köpfe, Benny Andersson und Björn Ulvaeus, die von orchestralen Sinfonien bis hin zu Popballaden und Rocksongs eine extrem hohe Palette an Genres bildet, ist schlicht und ergreifend BRILLANT! :) Schon ihm beim Dirigieren zuzusehen, ist ein Genuss, denn er zeigt eindrucksvoll, wie der geborene Musiker ganz in seiner Musik aufgeht, sie lebt und mit Hingabe an das Publikum weitergibt. Kleiner Wermutstropfen: zum 1. November wird Tom Bitterlich die Theater Chemnitz verlassen, um seine überragende Arbeit in München fortzusetzen ;( Sein Multitalent - Sänger, Schauspieler, Solorepetitor, Dirigent - wird der hiesigen Theater- und vor allem der Musicalszene schmerzlich fehlen :(

Das Publikum feierte seine Helden mit Standing Ovations und nicht enden wollendem Applaus und mit was? Mit RECHT!!! Diese Inszenierung verdient die höchsten Auszeichnungen für ein unvergleichliches Gesamtkunstwerk, bei dem mir langsam die Superlative ausgehen - und wer mich kennt, weiß, dass Sprachlosigkeit nicht zu meinen Hauptmerkmalen gehört ;)

Wer von euch die Möglichkeit hat, den wilden Osten zu bereisen, sollte unbedingt CHESS auf seine To-Do-Liste setzen :) Tickets und weitere Aufführungstermine findet ihr hier:

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